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Ein Mann, ein Rad, eine Insel

Ein Man Ein Rad Eine Insel

Auf einem Rad quer durch Island

Mit dem Einrad durch Island

„In dieser Richtung muss die Hütte sein...“ ich versuche mich an einem Ort zu orientieren an dem es nichts zum orientieren gibt. Nicht einmal meine eigene Hand kann ich vor Augen sehen. Schwefelgeruch liegt in der Luft. Mein Einrad geschultert, ein Rucksack der elend schwer ist. Ich bin am Ende meiner Kräfte, an ein stehen bleiben ist aber gar nicht zu denken, denn es ist heiß, so heiß, dass ich das Gefühl habe, dass meine Schuhe von unten zu schmelzen beginnen. Immer wieder kommt mir der Satz in Erinnerung „bloß den gelben Stellen ausweichen dort kann es noch flüssig drunter sein.“

Mit dem Einrad durch Island

Plötzlich rutsche ich ab und greife reflexartig nach Halt... aahh!, Scheiße so schnell wie ich zugreife, lasse ich auch schon wieder los - das gibt eine Brandblase.

Ich bin in Island auf 1000 m über Null Richtung Süden unterwegs. Mir tönt es noch immer in den Ohren „wenn du nach Skogar willst...“ „cross the new lava field - some did it before it's ok it´s cold enough.“ die Isländer gehen wohl sehr easy mit Feuer und Eis um.

Die waren schon froh, dass dieser Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der Europa tagelang lahm legte endlich ausbrach - der war eh schon überfällig. Sowie 5-7 weitere Vulkane, die auch schon auf der Warteliste stehen.

Doch für mich als Europäer ist es eine Herausforderung, einen Weg durch das Labyrinth aus 3-4 Meter hohen, brüchigen Lavaformationen zu finden. Überall dampft es, so stark, dass ich nichts mehr sehen kann. Dazu noch die Hitze, vom Gestank kaum zu reden.

Mit dem Einrad durch Island

Was ist jetzt los? Nun stehe ich auf einem schlammigen Untergrund und es ist wieder eisig kalt. Der Schlamm ist eine Mischung aus Schnee und Asche. Wieder versuche ich mich zu orientieren, doch in diesem Nebel kann ich einfach nichts erkennen. Spuren, die im Nichts enden, ich muss zurück zum Lavafeld – aber wo ist das? GPS raus und den Wegpunkt zur Hütte suchen, den ich mir im Tal noch vorsorglich eingespeichert hatte.

Alles leichter als das, wenn das Signal schlecht ist. Ich bin verzweifelt, der Schlamm aus Asche und Schnee klebt am Einrad und an den Schuhen und macht alles noch viel schwerer.

Was mache ich eigentlich hier allein im Nirgendwo? Mit dem Einrad? So eine blöde Idee. Ich wurde schon des Öfteren auf meinen Touren angesprochen ob ich eine Wette verloren hätte oder warum ich mir so was antue. Nein, eher war es eine Wette die es zu gewinnen galt. Das Ziel war, mit dem Einrad als erster von West nach Ost, quer durch Island zu fahren.

Der erste Einradler war schon da, hat einmal die Runde der Insel gemacht. Verdammt, so war ich eh schon nur noch der zweite. Einen Monat vor mir. Mit dem Einrad entlang der Ringstraße, der Lebensader Islands, welche die karge Zivilisation entlang der Küsten miteinander verbindet.

Sobald ich die Ringstraße ins Landesinnere verlasse, ist es aus. Da kommt die endlose Weite. Eine Landschaft mit Narben, deutlich zu erkennen. Island ist der Schieber, das Bindeglied am Reißverschluss zwischen der amerikanischen und der eurasischen Erdplatte. Island, eine Wüste aus Sand, Asche, Geröll und Moos bewachsenener Lavafelder, durchzogen von Gletscherflüssen mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt – im Juni. Letztere gilt es immer wieder zu durchqueren. Das ist kein Zuckerschlecken und kein Badespaß. Auf der anderen Seite eines solchen Flussbetts angekommen, der noch dazu meist auch mehreren Verästelung besteht, und auch gern mal über 100 Meter breit ist, war ich immer wieder froh, wenn das Gefühl bis in die Zehenspitzen zurück kam.

Mit dem Einrad durch Island

In der Mitte der Insel entscheide ich mich, die Durchquerung nicht auf der schwierigsten Route nach Norden, der „Sprengisandur“ fortzusetzen, sondern wähle die nach Süden verlaufende, beliebteste Wanderoute Island, den „Laugarweg“ welcher über mehrere Pässe zurück in die Zivilisation an die Küste führt. Eine Durchquerung ist zu dieser Jahreszeit, durch die starke Schneeschmelze und die damit verbundenen tiefen und reißenden Flüsse einfach nicht möglich.

Zwischendurch treffe ich eine Gruppe Franzosen und begleite diese - das Essen war knapp und ich teile alles was ich habe mit ihnen, im Gegenzug werde ich hin und wieder mit warmen Speisen versorgt und darf ihren Kocher mit benutzen. So kann ich mein Müsli auch mal warm genießen, denn aus Gewichtsgründen habe ich nichts dabei außer meinem Schlafsack, einem Zelt, Proviant und eben die Kleidung welche ich 21 Tage an meinem Körper tragen werde.

Ich habe die letzten Tage kaum etwas gegessen. Viel zu wenig. Gestern wurde ich noch von einer Hüttenwirtin versorgt, die rettende Energiezufuhr nahm ich dankend an, denn ohne sie wäre ich nicht bis hier her gekommen.

Jetzt stehe ich hier alleine und Tränen der Verzweiflung laufen mir die Wangen runter, ich schreie meine Verzweiflung raus ins allgegenwärtige Weiß und Grau. 12 Tage nach meinen Start vom international Airport, mehr als 400 km bin ich schon unterwegs.

Mit dem Einrad durch Island

Immer wieder Spuren die im Nichts enden. Immerhin habe ich mich laut GPS angeblich schon der Hütte bis auf 100 Meter genähert - aber von einer Hütte keine Spur.
Hoffentlich hab ich die richtigen GPS Daten eingegeben, so ein kleiner Zahlendreher kann schon verheerend sein. Mir geistern immer wieder die Bilder im inneren Auge herum. Vom Film „into the wild“, dem Ami, der alleine in Alaska von der Natur leben wollte aber am Ende durch einen kleinen Fehler umkam. Genau wie die auf der Gedenktafel 50 km nördlich von hier im Jahre 2004 oder die, die ca. 500 Meter vor der Hütte, oder die zwei Erfrorenen im Februar 2010 auf diesem Gletscher.

Ich bin total erschöpft. Immer wieder knie ich mich hin. Auf, auf ! Weiter, ja nicht stehen bleiben, weiter!
Was ist denn das?
Endlich ein Licht am Ende des Tunnels. Da ist so ein gelber Pfosten, zwei Meter vor mir - aber wo ist der nächste? Spuren im schwarzen Schnee. Inzwischen hat mein GPS gemeckert „Sie haben das Ziel erreicht!“ doch weit und breit keine Hütte in Sicht. Kein Wunder, ich kann auch nicht mal 5 Meter weit sehen, ich bin total am Ende. Egal, weiter, weiter, einfach den Spuren folgen, die führen dich schon wo hin. Stetig Bergauf.

Vor mir baut sich etwas Unerkennbares auf, ein Felsen? Nein, es ist... ja, es ist endlich die Hütte! Ich habe es geschafft - bitte, lass die bloß offen sein! Ich habe Glück: über den hinteren Eingang geht es rein. Hier bleibe ich, bis der Nebel weg ist. Ich setze mich auf eines der Betten und schlafe sofort ein. So erschöpft war ich noch nie!

Mit dem Einrad durch Island

Wenig später kommt auch der Hüttenwirt Uwe, der ab heute den ersten Tag die Hütte bewirten soll. Ich helfe die Hütte von der knietiefen Asche zu befreien und darf dafür umsonst bleiben. Am Abend kommt noch ein Truppe Isländer, von der ich am nächsten Morgen erfahre, dass sie Trailbauer sind und den Weg über die Lava abstecken. Mit dem Einrad durch Island Durch ihre Satellitenbilder wird mir klar, dass ich über die breiteste Stelle des Lavaflusses gefahren bin. Ab Heute ist dieser Lavafluss wieder ein offizieller, offener Wanderweg.
Der Nebel ist immer noch zu dicht, also hänge ich mich an ein italienisches Pärchen, die den Weg ins Tal kennen. Als die Sicht besser wird, sattele ich wieder mein Einrad und fahre bis zur Küste.

Hier beginnt für mich der dritte Abschnitt meiner Reise. Das erste Ziel war, so schnell wie möglich nach Osten zu kommen, mit dem Ziel, die Insel zu durchqueren. Der zweite Abschnitt war nach Süden zur Küste zurück zur Zivilisation zu kommen.

Nun war das dritte und letzte Ziel, zurück zum Flughafen zu kommen. Einfach nur relaxt an der Straße entlang. Was sich im Nachhinein als stressiger heraus stellen sollte, als allein auf Abwegen zu fahren. Der ganze Verkehr und dann nur Kilometer für Kilometer vor sich hinfahren. Ich beschließe, das Ganze Straßengeeier zu beschleunigen indem ich jeden Tag über meine geplanten Ziele hinaus fahre. Das zahlt sich aus, denn so habe ich noch Zeit ein paar Tage in einem wunderschönem Wandergebiet, ca. 40 Kilometer vor Reykjavik zu pausieren. Dort treffe ich wieder lustige Leute, mache Fotos, filme und bade in heißen Flüssen, endlich kann ich auch über den heißen Quellen kochen.

Anschließend teile ich mir noch die letzten 100 Kilometer zum Flughafen in mundgerechte Häppchen auf.

Island ist ein Land, dass sich mit Recht Feuer und Eis nennen darf und einen ganz besonderen Reiz besitzt. Island zu besuchen lohnt sich immer wieder - auch alleine auf Abwegen.

Text, Fotos: Florian Kaiser

Mehr Fotos gibt es hier im Flickr-Fotoalbum: Mit dem Einrad durch Island

Interview mit Florian Kaiser: hier klicken


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